Der Mellinger Schenkborn
Bis zu seiner Erbauung in Jahre 1607 gab es in Mellingen lediglich 2 öffentliche Brunnen. Einer befand sich auf den großen Anger an der ehemaligen Bäckerei, der andere auf dem kleinen Anger (Schweinanger).
Mellingen hatte damals ca. 500 Einwohner, in späteren Jahren kamen die Brunnen:
Am Burgkellerplatz, auf dem Kirchberg, in der Karl-Friedrich-Straße, in der Schulgasse (ehem. Schulhof) und in der Straße Auf den Kreuzen dazu.
Somit hatten wir in unserem Ort bis zur zentralen Trinkwasserversorgung 1956 8 öffentliche Brunnen.

Neun Meter tief mussten die Mellinger damals graben um ein ausreichenden Wasserstand zu erreichen. Die Brunnenröhre ist im Durchmesser 1,5m breit und mit Kalk-Bruchsteinen ausgemauert.
Der Brunnenschacht selbst ist mit Eichenbohlen abgedeckt. Letzte Messungen haben einen Wasserstand von 2,60m ergeben.
Über den Brunnen erhob sich ein hölzernes ,mit Schiefer gedecktes Brunnenhäuschen. Auf der Dachspitze des 6-eckigen Bauwerkes befand sich eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1607. Ursprünglich verkörperte diese Fahne das sächsische Wappen, schwarz-gelb gestreift als Sinnbild für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach.
Aus , in der Kugel liegenden, Dokumenten ist u. a. zu lesen, dass 1927, am 25.Februar das Dach des Brunnenhäuschen einer Reparatur unterzogen werden. Fahne und Knopf wurden herunter genommen. Das Dach des Brunnenhäuschens wurde vom Zimmermeister Otto Dyroff, Mellingen ; Dachdeckermeister Fritz Eichstädt, Weimar und Klempnermeister Paul Unger, Mellingen restauriert.
Aus der Holzkonstruktion ist zu erkennen, dass das Brunnenhäuschen ursprünglich offen war und mit einer 60cm hohen vollen Brüstung, die 5 der 6 Felder geschlossen hat, umgeben war.
Die alte Verkleidung des Brunnenhäuschens war so konstruiert, dass sie abnehmbar war, was wahrscheinlich in den Sommermonaten erfolgte, denn aus mündlicher Überlieferung geht hervor, dass sich die Nachtwächter der vergangenen Jahrhunderte in den Brunnenhäuschen verweilt haben.
Das Wasser wurde in den Anfängen des Brunnens über eine Welle, an der ein Tau mit einen Eimer hing, heraufgeholt. Von dieser Konstruktion ist heute nichts mehr zu erkennen.
Für den Einbau einer Schwengelpumpe, was später erfolgte, musste die sternförmige Deckenbalkenlage des Brunnenhäuschens geändert werden, was jetzt noch zu erkennen ist. Leider ist von der ursprünglichen Schwengelpumpe nur noch der Pumpenschwengel ohne Kugel vorhanden.
In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgte eine umfassende Rekonstruktion des Schenkborns unter maßgeblicher Beteiligung von Herrn Günther Chojnacki.
So erhielt der Schenkborn u. a. eine neue Schieferbedachung und am 23.10.1977 wurde die jetzige Blechhaube und Kugel sowie die Wetterfahne neu aufgesetzt.
Blechhaube und Kugel stammen von Klempnermeister Gerhard Bärmann, die Wetterfahne von Herrn Walter Oklitz.
Leider erfolgte zu der Zeit der Rückbau des Brunnenaufbaus mit Schwengel und Auslauf, so dass aus heutiger Sicht dieses Häuschen gar nicht unbedingt als Brunnen mehr zu erkennen ist.
Die heutige Holzverkleidung mit braunen Anstrich - Früher war der Brunnen immer Grün - stammt aus dem Jahre 1986 und wurde ebenso wie die Erneuerung von Balkenteilen von Herrn Günther Chojnacki ausgeführt.
Neben dem Schenkborn stand die Gemeindeschenke, zuletzt Gasthof “zur Linde”, gegenüber befand sich der Gasthof “Zum roten Hirsch”( ehemals Haus Richard Besemann) Der Abriss dieses Wohnhauses erfolgte im Jahr 1982.
Eine Schankgerechtigkeit von 1794 besagt, dass der “Rote Hirsch” für Fremden- und Durchgangsverkehr und die Gemeindeschenke für Ortsansässige zuständig war.
Auch ist davon auszugehen, dass viele Häuser rund um den Schenkborn , Kirchgasse und Schenkgasse zumindest noch in ihren Grundmauern aus der Zeit des Schenkborns stammen.
Zur Zeit der Entstehung des Schenkborns 1607 war Magister Georg Seiler Pfarrer in Mellingen, von 1595 bis 1654. Einen Bürgermeister im heutigen Sinne gab es damals noch nicht.
War es das gute Brunnenwasser oder doch das schmackhafte Bier aus der Gemeindeschenke, was die damalige Dorfjugend bewog 2 Jahre nach Brunneneinweihung, im Jahre 1609 unsere heutige Kirmes, bzw. den Kritzekrebsmarkt aus der taufe zu heben.
Im Jahre 1682 brannte die Gemeindeschenke nieder und wurde - 1684 wieder aufgebaut. Auf Grund der Tatsache, dass die Dächer der Häuser - auch 1728 noch- vorwiegend mit Stroh gedeckt wurden, schuldete es, dass die Gemeindeschenke 1748 abermals abbrannte.
Bis zum Jahre 1753 wurde sie wieder aufgebaut, aber nicht mehr in der ursprünglichen Größe, da im Jahre 1709 eine weitere Gemeindeschenke in der Langen Straße (ehemals Gaststätte Ritter) erbaut wurde.
Der Schenkborn durchlebte Epidemien und überstand Naturkatastrophen sowie Kriege und wurde Zeitzeuge technischer Errungenschaften des 19. Und 20. Jahrhunderts, wie z.B. Bau der Eisenbahn Weimar-Gera 1873 - 1876.
Die Pest wütete in Mellingen 1611 und 1635, die rote Ruhr in den Jahren 1616, 1624, 1714, 1750 und 1775, das Fleckfieber 1725 und das Faulfieber 1785.
Eine Masernepidemie gab es 1880 und 1887/88 gleichzeitig mit Diphtherie.
Die Thüringer Sinnflut suchte Mellingen 1613 heim und noch eine große Überschwemmung gab es im Jahre 1839 und 1890 mit verheerenden folgen für Mensch und Vieh.
Im Winter 1928/29 vom 9.Dezember bis zum 12. Februar herrschte Kälte von bis zu -31 Grad, der Gegensatz dazu waren große Dürren 1893 und heißer Sommer mit Missernten 1910.
Mehr oder weniger unbeschadet überstand der Schenkborn den 30Jährigen Krieg 1618-1648, ständige Einquartierungen von Regimentern in den Jahren 1700-1710; den 7 Jährigen Krieg 1756-1763, den Einfall Napoleons 1806 und den Friedensschluss 18 13/14.
Die bürgerliche Revolution von 1848 und der Deutsch-französische Krieg 1870/71 waren Vorstufen demokratischer Veränderungen auch in Deutschland. Das Wasser des Schenkborns betraf das sicher nicht!
Auch während des ersten Weltkrieges 1914-1918 und des 2.Weltkrieges 1939-1945 nahm unser “Denkmal” keinen großen Schaden.
Der Bau der Autobahn 1936-1939 hat unser Brunnen auch erlebt.
Die Zeiten der DDR vom 07.10.1948 bis zur Grenzöffnung am 09.11.1989 mit Zwangskollektivierung der Bauern 1959 bis 1961 und die Verstaatlichung der Handwerksbetriebe 1971/71 sind auch nicht ganz spurlos an unserem Brunnen vorüber gegangen, denn für Denkmale hatte man wenig Sinn und kein Geld.
Wir möchten Frau Renate Schwarz und Herrn Gerhard Ludwig danken, dass sie uns ihre Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt haben.
Der Traditionsverein “Kritzekrebsmarkt” 1609 Mellingen e.V.

